So

02

Jan

2011

Auf zur Börse...

Aquaristikbörse

Bei vielen Aquarianern ist es mit der Pflege einer Fischart nicht getan. Solche Aquafreaks finden erst in der Nachzucht ihrer Lieblinge Bestätigung und Zufriedenheit.

 

Um den fischigen Nachwuchs dann an den Mann zu bringen, gibt es in zahlreichen Aquarienvereinen Aquaristikbörsen - im Vereinsjargon kurz „Börsen“ genannt. Reich werden kann man damit nicht. Den Züchtern macht die Sache Spaß, außer wenn Manches nicht immer ganz so glatt läuft wie in nachfolgender Geschichte.

 

„Wie kann man nur so blöd sein“, schimpft Claus-Dieter Böhme, ein langjähriger Aquarianer, vor sich hin. Es ist Sonntagmorgen, fünf Uhr in der Frühe. Er versucht, die letzten Ancistren aus den schon gestern Abend leer geräumten Becken zu fangen. Heute soll es zur Aquaristikbörse gehen, um diverse Nachzuchten zu veräußern. Da er kein „Morgenmensch“ ist, wird der Entschluss zur Teilnahme an der Börse schon fast bereut.

 

Die meisten Menschen liegen am Sonntag um diese Zeit noch in den Federn. Aber schließlich ist es die größte Aquarienfischbörse zwischen Weser und Elbe, die in der achtzig Kilometer entfernten Landeshauptstadt stattfindet. Zierfischbörse soll man ja nicht mehr sagen, denn Zierfische gibt es eigentlich nicht. Es gibt ja auch keine Zierhunde oder Zierkatzen.


Goldancistrus albino (Ancistrus sp.)
Ancistren bleiben oft mit ihren Odontoden im Fangnetz hängen.

Claus-Dieter flucht immer noch. Jetzt hat sich einer der Harnischwelse auch noch mit seinen Odontoden (= spitze Hautzähnchen) im Fangnetz verhakt.

 

Inzwischen ist auch Brigitte, seine Frau, aufgestanden, und begrüßt ihn mit dem Kommentar „Du machst dich noch zum Sklaven deiner Fische“. Er gibt keine Widerworte, weil er ja weiß, ohne seine Gattin ganz aufgeschmissen zu sein. Sie will ihn zu Börse begleiten und beim Sortieren der Pflanzen, beim "Einbeuteln" der Fische und schließlich mit Verkaufsgesprächen helfen, die sie ausgezeichnet beherrscht. 

Ingrid Wawrzynski
Ohne die unterstützende Hilfe seiner besseren Hälfte ist man natürlich verloren.

Die Zeit läuft... Gut, dass er gestern schon stundenlang so viel vorbereitet hat. Ohne diese Vorarbeit hätte er wahrscheinlich schon gegen Mitternacht aufstehen müssen. Mit schlechter Laune geht es weiter.

 

Einige Dornaugen (Pangio kuhlii) sollen auch noch mit. Das sind zwar keine Nachzuchten, aber unser Aquarienfreund hält diese Tiere schon zwei Jahre und hat sie in dieser Zeit in seinem belebten Guppybecken nur einige wenige Male zu Gesicht bekommen. Vielleicht hält ein zukünftiger Käufer ja die Fische mit ruhigen Labyrinthern zusammen oder gönnt ihnen sogar ein Artbecken. Aber zunächst müssen die flinken Gesellen erst einmal gefangen werden. Immer wieder schaffen sie es, sich so in einem Winkel aufzuhalten, dass sie mit dem Kescher nicht erreicht werden können. Auch der Innenfilter bietet noch immer geeignete Versteckmöglichkeiten für die schnellen Schwimmer. Nachdem der Filter auch ausgebaut wird, geht es mit dem Herausfangen etwas besser.

 

Fischkeller
So sieht es meistens am Börsenmorgen im Fischzimmer/-keller aus.

Zehn große Plastikeimer, die von außen noch immer Werbung für ein bekanntes Trockenfutter anzeigen, beinhalten nun die Nachzuchten wie auch die Dornaugen für das große Sonntagsereignis. Auf die Schnelle werden alle Wasserbehälter in die nicht mehr ganz neue, aber sehr gepflegte Limousine verladen. Dazu kommen noch unzählige Beutel mit Pflanzenablegern, Durchlüfterpumpen, Beleuchtung und anderen Utensilien, die für so einen Event unverzichtbar sind. Durch die klappbare Rücklehne funktioniert das einigermaßen. Beim nächsten Autokauf soll es dann aber unbedingt - wegen der aquaristischen Mobilität - ein Kombi sein.

Punkt sieben Uhr - es ist noch stockdunkel - fahren die Eheleute Böhme los. Alles ist gut verpackt. Es hätte sogar noch etwas mehr hineingepasst. In einer Stunde Fahrzeit könnte man die Großstadt gut erreichen und hätte noch genügend Zeit zum Aufbauen. Zügig fahren die beiden bald auf die Autobahn und sind auch schon zwanzig Kilometer weiter. Im Geiste geht Claus-Dieter noch einmal durch, was er alles zur Börse mitgenommen hat: „Fische, Pflanzen, Technik, die Becken...“ Die Verkaufsbecken sind zur großen Überraschung nicht im Auto. Herr Böhme kann abermals unanständige Ausdrücke nicht sein lassen. Natürlich - deshalb war noch so viel Platz im Kofferraum. Also, bei der nächsten Ausfahrt wieder raus und zurück zur Wohnung. Die Zeit läuft...

 

Die Verkaufsbecken stehen noch immer zusammen gestapelt unschuldig in der Garage. Rasch wird alles erneut verstaut und nun man muss schon ein bisschen die Sachen zusammendrücken, damit auch die Türen alle zugehen. Erneut kommen die beiden wieder auf die Autobahn und fahren zügig ihr Ziel an. Die Fahrt verläuft fast ohne Probleme. Um diese Zeit sind jetzt in den dunklen Monaten nur wenige Autofahrer sonntags unterwegs.

 

Nur einmal muss Herr Böhme sehr stark abbremsen, weil ein Wohnwagenfahrer aus unserem nordwestlichen Nachbarland spontan die Fahrbahn wechselt. Brigitte beruhigt ihren Gatten und verteidigt die Nachbarn: „Überleg‘ doch mal, was die für herrliche Pflanzenbecken haben.“ Beim Abbremsen plätscherte es gewaltig in den Transporteimern. Aber die sind ja alle fest verschlossen - oder doch nicht?

 

Mit dreißig Minuten Verspätung kommen die Aquarienfreunde schließlich bei der großen Stadthalle an, in der die Börse stattfindet. Jetzt kann man schnell noch alles ausladen und in den Fahrstuhl stellen, denn die Veranstaltung findet im Obergeschoß statt. Freudig werden Böhmes auch von bekannten Gesichtern begrüßt: „Na, ihr beiden!? Verschlafen? Ihr müsst eure Sachen selbst hoch tragen. Der Fahrstuhl ist kaputt“.

 

Beim Ausladen stellt Claus-Dieter fest, dass durch die Vollbremsung Wasser aus einem Eimer geschwappt ist und sich auf den Polstern der umgeklappten Rücklehnen ein großer Wasserfleck abzeichnet. Wahrscheinlich war ein Eimerdeckel doch nicht ganz geschlossen. Seiner Frau gegenüber versucht er die Sache zu verharmlosen: „Das sind ja nur Wasserflecken. Die gehen wieder raus.“ Was er nicht sagt, ist, dass sich in dem offenen Eimer Salmler befinden, die in einem besonders sauren und dunklen Element gezogen und gehalten werden. Das Wasser ist also stark bernsteinfarbig. Wer weiß, wie sich das später farblich auf hellgrauen Autopolstern macht...

 

Die nachfolgende Aquaristikbörse verlief dann aber ohne weitere Zwischenfälle. Oder? Fortsetzung folgt.

 

Die Geschichte ist frei erfunden. Ähnliche Namen, Handlungen und Begebenheiten sind rein zufällig.

 

Reinhold Wawrzynski